04.07.2013
11:54 Alter: 5 yrs
Von: Eva Maria Mentzel

Interview: "Gemeinsam auf Herz und Nieren prüfen"

Ein schwaches Herz wirkt sich auch auf andere Organe aus. Warum Herzschwäche-Patienten auch auf ihre Niere achten sollten, erklärt Nierenspezialist Prof. Christoph Wanner im Interview.


Prof. Dr. Dr. h.c. Christoph Wanner ist Leiter der Abteilung Nephrologie an der Uniklinik Würzburg und forscht am Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz Würzburg an den Wechselwirkungen zwischen Herz und Niere.

Herr Prof. Wanner,  Sie sind ja ein Nephrologe, also ein Nierenspezialist – was hat die Niere eigentlich mit dem Herzen zu tun?  

Prof. Christoph Wanner: Diese Frage wurde erstmals in der Bibel im Psalm 7,10 oder bei Jeremia 11,20 gestellt. Damals standen Herz und Niere für die Gesamtheit des Inneren, der Lebenskraft und der Emotionen. Bis heute prüfen wir in der täglichen Medizin "auf Herz und Nieren" und erforschen die Zusammenhänge von Blutdruck, der Nierendurchblutung und der Herzkraft. Eine schwache Herzleistung (Herzinsuffizienz) führt oft zu einer schwachen Nierenleistung (Niereninsuffizienz). Dadurch sammelt sich Wasser im Körper an – zum Beispiel an den Knöcheln oder im Bauchraum Das sind dann die Ödeme, die für Herzschwäche so charakteristisch sind. Interessanterweise besteht die Beziehung zwischen Herz und Niere auch umgekehrt: Eine Niereninsuffizienz führt auch zu Herzinsuffizienz. Diese umgekehrte Richtung ist bis heute noch nicht richtig verstanden und wir beforschen dieses Gebiet zusammen mit den Kardiologen.
 
Haben Menschen mit Nierenerkrankungen generell ein höheres Risiko für eine Herzerkrankung? 

Prof. Christoph Wanner: Ein Sprichwort besagt "Der Mensch ist so alt wie seine Gefäße". Wenn die Nieren nicht ausreichend arbeiten, sammeln sich im Körper Stoffe an, die normalerweise ausgeschieden werden. Diese sogenannten Urämietoxine beschleunigen das Altern der Gefäße (Atherosklerose) und können damit zu einer koronaren Herzerkrankung beitragen. Immer wenn ein Patient mit einer Nierenfunktion unter 60 Prozent vor mir sitzt, zähle ich seine durchlebten Jahre mit der Erkrankung doppelt – ein 65 Jahre alter Patient, der seit 5 Jahren eine Nierenerkrankung hat, wäre nach dieser Rechnung schon 70 Jahre alt. Das Risiko für eine Herzerkrankung steigt mit schlechter Nierenleistung um das  20-fache an im Vergleich zu einem Menschen mit guter Nierenfunktion. Nierenkranke sollten also immer eine Untersuchung der Gefäße und des Herzens erhalten.
 
An wen wende ich mich als Patient mit einer Nierenerkrankung und einem möglichen Herzproblem? Wer ist mein erster Ansprechpartner?

Prof. Christoph Wanner: Wie in der Bibel angesprochen sehen die Nephrologen (Ärzte für Nieren- und Bluthochdruckerkrankungen) immer die Gesamtheit der Inneren Medizin. Das heißt, dass sie nicht nur die Niere untersuchen, sondern auch auf die anderen inneren Organe achten. Ein Patient mit einer geringeren Nierenfunktion ist beim Nieren- und Hochdruckspezialisten gut aufgehoben. Das gilt vor allem für Ärzte, die im engen Austausch mit anderen Spezialisten stehen.

Wie kann dieser enge Austausch von Herz- und Nierenspezialisten Ihrer Meinung nach gelingen?

Prof. Christoph Wanner: Wir Nierenspezialisten an der Uniklinik Würzburg arbeiten zum Beispiel mit vielen Disziplinen und Spezialisten unter einem Dach zusammen. Wir können täglich miteinander sprechen und unser Wissen austauschen. So haben wir gemeinsame Fragestellungen und Forschungsprojekte und haben Beobachtungsstudien, in denen wir tausende Patienten mit der gleichen Erkrankung im Raum Würzburg, in Unterfranken, aber auch in ganz Deutschland über Jahre beobachten. Viele junge Ärzte lesen aus den gesammelten elektronischen Krankenakten neue Erkenntnisse und veröffentlichen diese national und international. An der Universitätsklinik müssen wir die neuesten Erkenntnisse vorhalten und dies geschieht durch Lesen, Austausch und Zusammenarbeit unter einem Dach.

Interview: Eva Maria Mentzel

 

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