20.09.2013
09:23 Alter: 5 yrs
Von: Eva Maria Mentzel

Interview: "Bei leichtem Übergewicht ist man nicht mehr so streng"

Wie schädigt Übergewicht das Herz? Wirken sich schon ein paar Pfunde zuviel negativ aus? Die Internistin und Endokrinologin Ann-Cathrin Koschker erklärt die Hintergründe und gibt Tipps für den Alltag.


Dr. Ann-Cathrin Koschker arbeitet als Internistin und Endokrinologin an der Uniklinik Würzburg und betreut am DZHI eine Studie zu Auswirkungen von Übergewicht und Gewichtsabnahme bei stark adipösen Menschen

Frau Dr. Koschker, jeder zweite Erwachsene in Deutschland gilt als übergewichtig (Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland, DEGS). Was bedeutet eigentlich Übergewicht?
 
Koschker: Von Übergewicht spricht man ab einem Body Mass Index (BMI) von 25 und darüber. Der BMI ist definiert als das Körpergewicht (in Kilogramm) geteilt durch das Quadrat der Körpergröße (in Meter). Ab einem BMI von 30 spricht man von einer Fettleibigkeit oder Adipositas. Als Ärztin schaue ich aber nicht nur auf den BMI. Beispielsweise sollte auch die Fettverteilung berücksichtigt werden: Das eher schädliche Fett liegt nämlich im Bauchbereich und  das - zumindest unter medizinischen Gesichtspunkten - weniger störende Fett liegt an Po und Oberschenkeln. Aber auch ein sehr muskulöser Sportler kann allein aufgrund seines Gewichts als übergewichtig eingeordnet werden, wenn man nur den BMI beachtet.

Übergewichtige Menschen haben ein erhöhtes Risiko für Herzkrankheiten. Wie schädigt Übergewicht das Herz?

Koschker: Zum einen begünstigt Übergewicht das Entstehen von Herz-Kreislauf-Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder Diabetes. Das erklärt aber noch nicht vollständig, warum so viele Menschen mit Adipositas herzinsuffizient sind. Der Entstehungsmechanismus dafür ist noch Gegenstand der Forschung. Eventuell muss das Herz einfach bei großer Körpermasse übermäßig viel leisten. Auch Veränderungen im Hormonhaushalt des Magen-Darm-Traktes könnten schädigend auf Herz und Gefäße wirken.

Steigt mein Risiko für eine Herzerkrankung schon, wenn ich nur "ein paar Pfunde zu viel" habe?

Koschker: Bei leichtem Übergewicht ist man mittlerweile nicht mehr so streng. Vielmehr mehren sich die Daten, dass Menschen mit einem leichten Übergewicht in Sachen Lebenserwartung keine Nachteile ihren etwas schlankeren Mitmenschen gegenüber zu befürchten haben. Eine große Auswertung zahlreicher Studien zeigte sogar eine geringere Sterblichkeit bei Menschen mit leichtem Übergewicht. Erst bei höhergradiger Adipositas stieg das Risiko deutlich an.
Insbesondere bei Menschen, die an bestimmten Erkrankungen leiden wie Herzschwäche, scheint sich ein etwas höherer BMI positiv auszuwirken. Das könnte allerdings auch daran liegen, dass ein sehr niedriges Körpergewicht auch Ausdruck einer schon fortgeschrittenen Erkrankung ist.

Das bedeutet also, dass auch Untergewicht schädlich für das Herz sein kann.

Ja, von Patienten mit Magersucht weiß man, dass starkes Untergewicht zahlreiche Organe schädigen kann, u.a. auch das Herz. Bei Patienten mit bereits bestehender Herzschwäche ist - wie oben bereits angedeutet - auch bekannt, dass die etwas Schwereren einen günstigeren Verlauf haben, was man als "Adipositas Paradoxon" bezeichnet. Untergewicht sollte sicher vermieden werden. Wir empfehlen unseren sehr schlanken Patienten, auf eine ausreichende Kalorienzufuhr zu achten.

Was kann ich selbst tun, um mein Gewicht zu halten oder abzunehmen?

Koschker: Hierfür kommt wohl keiner an einer gesunden Lebensweise mit regelmäßiger körperlicher Betätigung und einer vernünftigen Ernährung vorbei. Auch ausgedehnte stramme Spaziergänge, mehr Fahrrad fahren oder "Treppe statt Aufzug" sind hilfreich. Es muss kein ausgeklügeltes Fitnessprogramm sein. Ein Schrittzähler oder auch Bewegung in der Gruppe oder mit dem Partner können helfen, hierbei die Motivation hochzuhalten. Menschen mit Herzerkrankungen sollten vorher ihren behandelnden Arzt befragen, inwieweit sie sich belasten dürfen. Im Allgemeinen gilt jedoch, dass auch Menschen mit Herzinsuffizienz Bewegung gut tut.
Bei der Ernährung empfehlen wir ein mäßiges Kaloriendefizit von etwa 500 kcal am Tag, wenn eine Gewichtsreduktion angestrebt wird. Die Nahrung sollte ausgewogen sein. Empfehlen kann ich die sogenannte "mediterrane Kost", bei der frisches Obst und Gemüse, Olivenöl, Nüsse und Fisch im Vordergrund stehen. Auf Fertig- und Fast- Food-Produkte, die oft viel Fett enthalten, übermäßige Süßigkeiten oder gesüßte Getränke sollten Sie weitgehend verzichten.
Besonders bei einer höhergradigen Adipositas kommen die Betroffenen alleine oft nicht weiter - es gibt hier spezialisierte Ärzte und Zentren, die u.a. mit Ernährungsberatung eine Gewichtsabnahme begleiten oder eventuell auch einen operativen Eingriff zur Gewichtsreduktion ins Auge fassen, wenn dieser eine Besserung von Begleiterkrankungen und Lebensqualität bringen kann.

Herzinsuffizienz-Patienten sollten regelmäßig ihr Gewicht überprüfen – hat das auch etwas mit der richtigen Ernährung zu tun?

Nein, hier steht das frühzeitige Bemerken von Flüssigkeitseinlagerungen im Vordergrund. Herzschwäche-Patienten, die plötzlich an Gewicht zunehmen, sollten  sich umgehend an ihren behandelnden Arzt oder Zentrum wenden, um die Dosis der harntreibenden Medikamente (Diuretika) anzupassen. Neben der regelmäßigen Kontrolle des Gewichts kann ich allen Patienten empfehlen, die Werte auch zu notieren. Oft erinnert man sich ein paar Tage später doch nicht mehr so genau, wie das Gewicht wirklich war.

Interview: Eva Maria Mentzel

Mehr lesen zum Thema: